Immer diese Rechtgeberei

Er gehörte zu den meistgesagten Sätzen des ehemaligen Bayer-Leverkusen-Trainers Heiko Herrlich während einer bemerkenswerten Pressekonferenz: „Ich gebe Ihnen Recht“, sagte er immer wieder zu den Journalisten. Das wirkt auf den ersten Blick demütig – aber ist es das wirklich? Ich finde nicht. Es ist eine beliebte Einleitungsfloskel geworden, um kritische Anmerkungen aufzunehmen und ihnen im nächsten Schritt eigene Argumente gegenüberzustellen. Ein bisschen Deeskalation im Sinne von Rosenberg, so scheint es. Aber eigentlich heißt es etwas ganz anderes. Wir nehmen es uns heraus, Recht zu geben. Unser Gegenüber hat nicht aufgrund der besseren Argumente Recht, sondern erhält es von unseren Gnaden.

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Fake-News sind kein PR-Gag

Da haben selbst wir Kommunikationsprofis ein wenig fassungslos vor unseren Bildschirmen gesessen: Vor einem Monat gab Citroën zum 100-jährigen Firmenjubiläum bekannt, sich in Deutschland in Zitrön umzubenennen. Den alten Namen könne ja ohnehin niemand aussprechen. Sicher, die Vermutung, dass alles nur ein groß angelegter Marketing-Gag war, hatten wir. Fake-News? Antworten wir mit einem entschiedenen “Vielleicht.” Nur haben wir nicht schlecht gestaunt, wie weit der Autobauer den Witz getrieben hat: Website umbenannt, Kundenhotline geändert, Filmchen gedreht, Luftballons in der Firmenzentrale aufgehangen … das war schon recht ausgeklügelt. „Das meinen die doch nicht ernst – oder?“, fragten wir uns. So ein Scherz wäre ja eigentlich nur ein Fall für den 1. April.

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Viel zu lösungsfixiert

Eine Lösung kann fest, gasförmig oder flüssig sein, habe ich im Chemieunterricht gelernt. In der Kommunikation hat sie nur einen Aggregarzustand: überflüssig. Zumindest in Verbindung mit geschmeidigen Kreationen wie „Software-Lösung“, wenn eigentlich ein Programm gemeint ist. Oder die „Branchen-Lösung“, die eigentlich eine Standardsoftware meint. Und nicht zu vergessen die allseits beliebten „Lösungs-Anbieter“, die allerdings nicht Hersteller von Reinigungsmitteln meinen.

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Headlines from Hell: Alles aus einer Hand

Manchmal kann ich mich nicht entscheiden, was ich unterwegs essen soll. Habe ich eher Appetit auf eine deftige Pizza? Oder darf es ein vegetarischer Döner sein? Nein, alles zu langweilig. Vielleicht doch lieber indisches Kartoffel-Blumenkohl-Curry? Wie praktisch, dass es Restaurants gibt, die gleich mehrere kulinarische Spezialitäten unter einem Dach vereinen: Pizza wie aus Italien, Curry wie aus Indien, Burger wie aus Amerika und Pommes-Schranke wie aus Gelsenkirchen. Alles aus einer Hand – was will ich denn mehr?

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Hier warb Goethe nie

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Wohnungsbesichtigung zu Anfang des Jahres hier in Frankfurt, bei der die Vormieter die klaustrophobisch kleine Toilette mit einem Goethe-Zitat als Wandtattoo aufwerteten. „Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert“, mahnten mich die Letter. Was mir das in diesem Zusammenhang sagen sollte, weiß ich nicht. Verharren wollte ich dort jedenfalls nicht länger als nötig. Gut, mögen Sie einwenden, wen interessiert schon, was in einer Privatwohnung an irgendwelchen Wänden steht? Stimmt natürlich. Aber der gute Herr Geheimrat muss leider nicht nur für stille Örtchen herhalten, sondern wird gerne auch vor den Karren der Kommunkation gespannt. Und ich bin mir nicht ganz sicher, was von beidem nun schlimmer ist.

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Überblättert: Das ungeliebte Vorwort

Spieglein, Spieglein in der Hand: Neulich blätterte ich beim Warten in der Autowerkstatt durch das Nachrichtenmagazin mit dem einschlägigen roten Rahmen auf dem Cover. Hätte ich mich nicht just ein paar Tage zuvor mit einem Kollegen über eine gewisse althergebrachte Tradition in Magazinen unterhalten, wäre es mir gar nicht aufgefallen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, heißt es ja so schön. Aber diesmal nicht. Diesmal sah ich bewusst hin und habe es nicht bloß übersehen: Es gibt kein klassisches Vorwort des Herausgebers oder Chefredakteurs im Spiegel. Stattdessen begleiten mich Inhaltsverzeichnis, Leitartikel und Kolumne durch die ersten Seiten. Dass mir das fehlende Vorwort so lange nicht aufgefallen ist, liegt vor allem daran, dass ich diesen Teil in Magazinen grundsätzlich überblättere.

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