Sag doch mal: „Ich weiß es nicht!“

Warum glauben wir Menschen so oft, genau und vor allem viel besser als „die anderen“ zu wissen, wie der Hase läuft? Ob es um das nächste Länderspiel, gesunde Ernährung oder – ganz aktuell – um Corona-Maßnahmen geht: 80 Millionen Bundestrainer, Ernährungsexperten und Virologen wissen Bescheid! Bitte, lasst uns damit aufhören und einfach mal sagen: „Ich weiß es nicht!“

Diesen wohltuenden Moment erlebte ich zu Beginn des Corona-Zeitalters im Hof unseres Hauses. Mein Nachbar, über 80 Jahre alt, murmelte: „Ach, ich weiß es doch auch net …“ Er drehte sich um, schlurfte zurück zu seiner Terrasse und setzte sich in die Märzsonne. Vorrausgegangen war ein Gespräch, bei dem wir uns über gut fünf Meter Entfernung anbrüllten, weil mein Nachbar nicht mehr so gut hört. Wir sprachen darüber, wie sich alte Menschen nun am besten verhalten sollten. Sein Sohn hatte ihm zu höchster Vorsicht und völliger Isolation geraten. Ich gab zu Bedenken, dass ein Spaziergang im Park mit ausreichendem Abstand vielleicht doch mehr Nutzen als Schaden bringen könne. Wir drehten und wendeten die Ansichten und Meinungen, bis er einfach ging, mit eben diesem wundervollen Satz auf den Lippen.

Vom Luxus, es nicht zu wissen

Die Worte meines Nachbarn gingen mir nicht aus dem Kopf. Mir wurde klar, wie sehr ich es vermisse, dass die Menschen in meiner Umgebung – und genauso ich selbst – so selten zugeben, etwas nicht zu wissen. Offenbar bedeutet es in irgendeiner Weise eine tiefe Schmach, nicht allwissend zu sein. Aber warum bloß? Ist es nicht so, dass wir uns auf den meisten Gebieten überhaupt nicht auskennen? Wir wüssten nicht mal, wie morgen das Wetter wird, wenn es uns nicht jemand in den Medien verraten würde.

Wer glaubt, es am besten zu wissen, weiß es am schlechtesten

Psychologen erklären recht schlüssig, wie es zu Besserwisserei kommt: Sie dient in erster Linie dazu, unser Selbstwertgefühl zu steigern. Und das geschieht immer in Relation zu anderen, den „Doofen“, denen wir uns so herrlich überlegen fühlen. Demnach müssten diejenigen Menschen das schlechteste Selbstwertgefühl haben, die besonders besserwisserisch daherkommen.

Spannend ist jedenfalls, dass Kompetenz und Selbstbewusstsein sich eher antiproportional zueinander verhalten. Dieses Phänomen nennt sich Dunning-Kruger-Effekt. In ihren Studien haben die beiden US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger 1999 herausgefunden, dass sich inkompetente Personen häufig für besonders kompetent halten. Hart ausgedrückt: Diese Probanden waren zu unfähig, um die eigene Unfähigkeit zu erkennen. Sie zeigten daher ein überdurchschnittliches Selbstbewusstsein. Umgekehrt ist besonders schlauen Menschen oft bewusst, wie viel Wissen ihnen entgeht. Albert Einstein sagte es so: „Je mehr ich weiß, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiß.“

Unser Selbstwertgefühl – eine tiefgründige Sache

Doch auch, wer besonders selbstbewusst auftritt, muss sich nicht wirklich toll finden; denn Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind nicht dasselbe. Menschen, die ständig ihr besseres Wissen zu Schau stellen, installieren oberflächlich ein starkes Selbstbewusstsein. Doch dahinter steckt nach dem Verständnis der Tiefenpsychologie ein schwaches Selbstwertgefühl, mitunter sogar eine narzisstische Störung: Diese Menschen stillen ihren tiefen Wunsch nach Anerkennung, indem sie sich als allwissend präsentieren. Ihr instabiles Selbstwertgefühl ist von dauernder Bestätigung abhängig. Tragisch daran: Ihren Mitmenschen gehen chronische Besserwisser auf die Nerven, kaum jemand findet sie sympathisch.

Alles beginnt bei uns selbst

Doch bevor wir uns über die „gestörten“ Persönlichkeiten der anderen erheben, sollten wir selbst überlegen, wann wir das letzte Mal „Ich weiß es nicht“ gesagt haben. Denn jede und jeder von uns kennt die Alltagsbesserwisserei von sich selbst: „Ach, wie ich es wieder mal gewusst habe!“ Diese wohlig warme Dusche für unser Selbstwertgefühl. Gerade die Coronazeit bietet viel Raum dafür, denn es gibt viele offene Fragen: Wie gefährlich ist Covid-19? Welche Maßnahmen sind übertrieben, welche angemessen? Was sind die Folgen? Darüber zu diskutieren, ist sinnvoll, wichtig und demokratisch – aber wir sollten es für möglich halten, dass wir es nicht wissen. Noch besser ist, weniger Wert darauf zu legen, wer Recht hat, sondern herauszufinden, wie Menschen miteinander auskommen können – mit ihren unterschiedlichen Ansichten, Meinungen und Selbstwertgefühlen. Und dabei wirkt dieser eine Zaubersatz Wunder – Sie wissen schon!

Über den Autor

Bea Maisch

Die studierte Sprachwissenschaftlerin steuert als Projektmanagerin und Konzeptionerin Abläufe in der Agentur, entwickelt Prozesse und Maßnahmen. Ihre Schwerpunkte sind nachhaltige Kommunikationskonzepte, Employer Branding und Fachveranstaltungen. Für die Kollegen bei Mainblick ist die Yoga-Lehrerin zudem ein sehr geschätzter Ruhepol und eine diplomatische Vermittlerin in hektischen Zeiten.