Fehlerkultur – Warum wir öfter nach Canossa gehen sollten

Das könnte die Perspektive Heinrich IV. gewesen sein

Kaum ein anderes Ereignis in der Geschichte wird so oft rezipiert und gleichzeitig mit einer Demütigung gleichgesetzt wie der Gang nach Canossa König Heinrichs IV. im Jahr 1077. Katalysator dieser Wahrnehmung und prägend für eine missverstandene Fehlerkultur war schließlich auch niemand anderes als Otto von Bismarck. Er schloss kategorisch aus, wieder nach Canossa zu gehen. Ein prominentes Beispiel dafür, Fehlentscheidungen oder Missverständnisse nicht aus dem Weg zu räumen. Aber auch heute noch begegnen uns häufig Situationen, in denen der innere Schweinehund – bestehend aus Ego oder der eigenen Überzeugung – einfach nicht nach Oberitalien spazieren will. Das das wirkt sich auf unsere Fehlerkultur aus.

Wenn es zum Problem wird, Fehler einzugestehen

Denn jeder kennt es: Irgendetwas geht schief – persönlich oder beruflich – aber man ist sich keiner Schuld bewusst. Problematisch wird es für uns, wenn unser kommunikatorisches Gegenüber das einfach anders sieht. Nun möchte ich hier keinesfalls das Sprichwort „Der Klügere gibt nach“ ins Gedächtnis rufen und empfehlen, ausnahmslos jeden Fehler auf sich zu nehmen. Vielmehr soll deutlich werden, dass wir alle nur Menschen sind, die entweder Fehler machen oder etwas tun, dass andere Personen als fehlerhaft ansehen. Und das ist auch gar nicht schlimm. Denn es bleibt uns – wie König Heinrich vor fast 1.000 Jahren – immer noch der Gang nach Canossa – und zwar völlig ohne Demütigung.

Warum es nicht demütigend ist, Fehler einzugestehen

Um verständlich zu machen, warum eine Entschuldigungskultur keine Demütigungskultur ist, müssen wir auf die hochmittelalterliche Denkweise und das konkrete Ereignis schauen. Heinrich IV. wurde aufgrund unterschiedlicher Ansichten im Ringen zwischen geistlicher und weltlicher Macht exkommuniziert – also aus der kirchlichen Gemeinschaft temporär ausgeschlossen. Der nun folgende Schritt, der Gang nach Canossa, war nichts weiter als ein Verfahren, das notwendig war, um wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Vergleichbar mit einem Behördengang, wenn wir einen neuen Personalausweis beantragen müssen. Daran ist nichts demütiges. Es ist lediglich eine Anerkennung von gesellschaftlichen Normen. Dass aus dem Event ein Akt der Demütigung wurde, verdanken wir dann der hochmittelalterlichen Geschichtsschreibung. Deshalb sollte uns auch in unserer Fehlerkultur wieder bewusst werden: Das Eingestehen eigener Fehler ist ein notwendiger Schritt und beweist wahre charakterliche Größe, nicht Schwäche.

Ein offener Dialog ist immer die beste Lösung

Darum sollten wir es öfter machen wie Heinrich IV: Den inneren Schweinehund überwinden und uns in einen offenen Dialog begeben mit demjenigen, der von unserem Handeln eventuell enttäuscht worden ist. Mit etwas Glück verleiht dieser Rückblick auf das Jahr 1077 jedem die Stärke, Fehler nicht als Weltuntergang und das Eingestehen von Fehlern nicht als Demütigung, sondern als eine Chance auf einen offenen und ehrlichen Austausch zu begreifen. Also: Auf nach Canossa! Es ist sicher schön dort!

Über den Autor

Anna Ewald

Wirbelwind Anna nahm das Team vom ersten Tag an mit ihrer offenen und freundlichen Art ein, die ihr auch bei Kunden schnell die Türen öffnet. Zum Beispiel, wenn sie Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Zum Ausgleich für ihr berufliches Engagement ist die gebürtige Kurpfälzerin privat "am liebsten ganz viel draußen" und träumt von einem Haus im Grünen mit einer Herde Rhönschafe.