Houston, wir stehen vor einer Herausforderung

Problem oder Herausforderung – das ist hier die Frage

Die Kommunikationsbranche ist wahrlich gesegnet, denn sie hat keine Probleme. Sie wurden offenbar in einem Konzil vor langer Zeit gebannt und sind seither ein Ding der Vergangenheit. Und ohne Probleme kommuniziert es sich wunderbar unbeschwert. Stattdessen gibt es nur noch dann und wann Herausforderungen. Über die Scheu, Probleme als solche zu benennen, was sie von Herausforderungen unterscheidet und warum es uns ganz gut täte, ihre Verbannung aufzuheben.

„Houston, wir stehen vor einer Herausforderung!“ Wer kennt dieses berühmte Zitat nicht? Nun, es ist womöglich leicht angepasst, um es kommunikationskompatibel zu machen. Denn wie hätten die Astronauten an Bord der Apollo 13 damals wissen können, dass man das böse P-Wort nicht sagt? Probleme sind ja auch eine unfeine Sache. Niemand hat gerne welche, aber bei uns allen fallen sie hin und wieder an. Und dann möchten wir sie so schnell wie möglich loswerden. Wenn es Probleme in Produktform gäbe, wäre die Verschenken-Rubrik bei Ebay-Kleinanzeigen voll davon.

Definition, Kommunikation und Einstein

Schuld an unseren Problemen sind die antiken Griechen. Also genauer gesagt daran, dass wir dieses Wort überhaupt benutzen. Denn wir haben es, wie viele andere schöne Worte auch, aus dieser Sprache entlehnt. Übersetzt bedeutet próblema so viel wie „das Vorgelegte.“ Die negative Konnotation haben wir gedanklich hinzugefügt, denn gemeint ist hier ursprünglich, dass etwas zur Lösung vorgelegt wird. Sicher, nicht alle Probleme sind lösbar. Aber es wäre falsch zu behaupten, sie ließen sich per Definition nicht lösen. Anders als in der Kommunikationswelt angenommen, ist ein Problem an sich kein unüberwindbares Hindernis. Es ist hingegen mit ziemlicher Sicherheit komplex. Denn wie Albert Einstein bereits sagte: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Das Storytelling liebt Probleme

Aber wer will denn schon etwas von Schwierigkeiten wissen. Danach klingt das Wort „Problem“ häufig in unseren Ohren. Es sollte doch bitte vielmehr um die sich bietenden Möglichkeiten gehen. Darum ist man schnell gewillt, zuzustimmen, wenn es heißt, dass Herausforderungen im Vergleich positiver klingen. Ihnen stellt man sich und an ihnen wächst man, und daraus lassen sich tolle Heldengeschichten im Storytelling stricken. Wunderbar. Allerdings ist es doch ehrlicherweise so, dass man auch an Herausforderungen scheitern kann. Und dass dieselben Heldengeschichten sich intensiver erzählen ließen, wenn man von Problemen spräche. Denn unter Storytelling-Aspekten ist der Spannungsaufbau umso größer, wenn erst ein Problem benannt und dann gelöst wird. Eine komplexe Aufgabe, die die Handlung bremst und kritisches Denken erfordert. Probleme machen die Sache menschlicher, weniger geschliffen, ehrlicher. Aber wie oft habe ich schon Sätze begonnen wie diesen: „Wir standen dabei vor der Herausforderung, …“

Ganz ehrlich: Wenn ich als Kommunikator beim Tippen solcher Sätze schon die Stirn in Falten lege, wie geht es wohl dem Leser? Oder fragen wir einmal anders: Was würden Sie lesen wollen? Eine echte Auseinandersetzung mit einem Problem – oder die weichgespülte Version davon mit einer Lösung, die auf der Hand lag? Stellen Sie sich vor, die Astronauten von Apollo 13 hätten vor ihrer Abreise ein PR-Seminar belegt und man hätte ihnen eingebläut, bloß nie von Problemen zu sprechen. Stellen Sie sich vor, die Herren hätten stattdessen wirklich von einer Herausforderung gesprochen. Wäre dieses Zitat dann auch zu einem geflügelten Wort geworden? Und hätte irgendwer im Mission Control Center auch nur ansatzweise schweißnasse Achseln bekommen, wenn ein solcher Funkspruch angekommen wäre? Schwer vorstellbar.

Wir sollten problemorientiert denken

Probleme, Schwierigkeiten, Problemorientierung – das alles wird in einen Topf geworfen, der voll von siedendem Teer zu sein scheint. Bloß weg damit. Dabei ist gerade die Problemorientierung eigentlich die beste Art, zu lernen und sich einen Zugang zu komplexen Lösungen zu erschließen. Problemorientierung ist – und jetzt Achtung, dass wird Sie schocken – ein didaktisches Prinzip modernen Unterrichts. Kinder lernen dabei zunächst, das Problem zu erkennen, um dann passende Lösungen zu entwickeln. Kurze Anregung zwischendurch: Gehen Sie doch gleich mal zu ihrem Chef und sagen Sie ihm, dass sie von nun an nur noch problemorientiert denken und arbeiten werden. Können Sie sich seine Reaktion vorstellen? Ich auch. Und er wird sicher nicht begeistert sein.

Dabei geht es doch genau um das, was er sich wünschen wird: Dass Sie Probleme analysieren und auf dieser Basis Lösungen entwickeln wollen. Problemorientierung ist etwas fundamental menschliches. Indem wir das Wort durch ein vermeintlich aalglattes ersetzen, aber eigentlich mehr als das meinen, tun wir uns in der Kommunikation keinen Gefallen. Wir nehmen der Botschaft einen Teil des Gewichts, das sie eigentlich verdient hätte. Ein komplexes Problem, zu dessen Lösung man viel Einsatz und analytisches Denken benötigt, schrumpft als Herausforderung zu etwas, dessen Lösung sich quasi linear ableiten ließ. Allerdings mache ich mir ehrlicherweise wenig Hoffnung, dass ich ab sofort nicht mehr von Herausforderungen sprechen oder schreiben werde. Aber das ist dann wohl mein Problem.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.