Work-Life: Wer balanciert wie, wann und wohin?

Eine gute Work-Life-Balance gilt als erstrebenswert. Arbeitgeber versprechen sich davon gesunde und leistungsfähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese wiederrum sehen darin die Möglichkeit, private und berufliche Anforderungen bestmöglich zu vereinbaren. Doch warum ist dieser Begriff überhaupt entstanden und was sagt er über unsere Lebenswirklichkeit aus?

Der Begriff „Work-Life-Balance“ tauchte Ende der 90er Jahre in den westlichen Medien auf. Doch er hat eine Vorgeschichte, die sich zu betrachten lohnt. Vorrausgegangen war ein zunehmendes Bedürfnis, die privaten und beruflichen Anforderungen besser auszutarieren. Und dieses Bedürfnis verspürten vor allem Frauen, die in die Erwerbswelt eintraten. Zuvor, also in der sagenumwobenen Zeitzone „früher“, waren die Schwerpunkte hingegen völlig klar gesetzt: Frau war zuständig für „life“, Mann für „work“. Da die beiden Bereiche personell so klar abgegrenzt waren, schien Vereinbarkeit nicht nötig zu sein. Dass die Frauen, während sie sich um das Leben kümmerten, ihren Männern auch noch den Rücken für „work“ freihielten, galt als selbstverständlich. Die mangelnde Anerkennung für Leistungen im häuslichen Bereich zog und zieht sich durch viele Kulturen.

Erst als die Frauen arbeiten „gingen“, also außer Haus erwerbstätig wurden, änderte sich dies: Zum einen waren sie nun der Doppelbelastung ausgesetzt. Denn viele von ihnen hatten nach wie vor Kinder zu versorgen. Ihre Männer beeilten sich nicht, die Lücke zu schließen und die Hausarbeit entsprechend aufzuteilen. Das ist bis heute so: Zählt man zu den Erwerbsstunden noch die Arbeitsstunden in Haushalt, Pflege und gemeinnützige Aktivitäten hinzu, arbeiten Frauen im Schnitt 55 Stunden pro Woche, Männer 49. Das ergab eine Mammutstudie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Jahr 2019. Die Erhebung ersteckte sich auf 41 Länder. Die Werte für Deutschland lagen ziemlich genau im Mittelfeld. Zum anderen lässt sich – zugegebenermaßen etwas boshaft – vermuten, dass die Frauen erst mit ihrer Erwerbstätig das Recht erwarben, sich für ihre Gesundheit sprich Leistungsfähigkeit einzusetzen. Schließlich waren sie nun „wertvoll“ für die Arbeitswelt.

Ein Mittel gegen einen Burn-out

Letztlich fiel nun auch den Arbeitgebern auf, wie schwer sich die vielfältigen Aufgaben in einer Familie mit der Berufstätigkeit vereinbaren lassen. Es entging ihnen nicht, dass Menschen im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf unter besonders viel Stress litten. Frauen sind daher auch besonders oft von Burn-out-Erkrankungen betroffen. Und da Unternehmen durchaus an gesundem leistungsfähigen Personal interessiert sind, suchten und fanden sie eine Lösung: Work-Life-Balance! Und sie entwickelten Konzepte wie flexible Arbeitszeiten, Teilzeit, Homeoffice etc. Auch die Politik erarbeitete neue Möglichkeiten wie Elterngeld sowie Eltern- und Pflegezeit. Und dann zeigten Studien auch noch, dass Unternehmen mit höherer Diversität erfolgreicher sind. Die Frauen lösten den „Work-Life-Boom“ aus, die Männer zogen nach – teils notgedrungen. Auch sie machten die Erfahrung, dass der berühmte Spagat ganz schön wehtun kann. Hinzu kam ein Wertewandel, der die gesamten westlichen Gesellschaften erfasste. Arbeit zum reinen Geldverdienen schien immer weniger attraktiv. Die Menschen wünschten sich mehr Sinn und Nachhaltigkeit – privat und beruflich. Unternehmen, die dieses Bedürfnis ernst nehmen und beantworten, sind gefragtere Arbeitgeber. Bei zunehmendem Fachkräftemangel ein großer Vorteil!

Gehört Arbeit nicht zum Leben?

Bemerkenswert an der „Arbeits-Lebens-Balance“ ist jedoch, dass dieser Bezeichnung nach die Arbeit gar nicht zum Leben gehört. Die Bindestriche fungieren wie Trennlinien zwischen zwei Welten. Sie drücken aus, dass es eine gewisse „arbeitsfreie“ Zone geben muss, um als Familie und Privatmensch klarzukommen. Die Idee setzt aber auch voraus, dass aus der Arbeitswelt kaum etwas Gutes ins Privatleben dringen kann. Aufgaben, Pflichten, An- und Überforderungen stehen im Vordergrund. Warum ist das so? Gehört Arbeit nicht auch zum Leben? Gibt es so wenig Bestätigung, Wertschätzung, Erfüllung, Erfolge und kollegiale Unterstützung, dass wir die Arbeit konsequent raushalten müssen aus dem, was wir „Leben“ nennen?

Selbstbestimmung macht zufrieden

Um diesem Punkt auf die Spur zu kommen, könnte ein Blick auf die Situation Selbstständiger helfen: Sie kennen es gut, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen. Und sie sind in der Regel zufriedener, obwohl sie mehr Überstunden machen – unabhängig von ihrer privaten Situation. In einer wirtschaftspsychologischen Studie der Universität des Saarlands gaben sie im Jahr 2015 zwei Hauptgründe dafür an: Sie entziehen sich der immer schwierigeren Planung der eigenen Karriere in Unternehmen und sie können autonom entscheiden. Es scheint also nicht die scharfe Trennung zwischen Arbeit und Leben zu sein, die zufrieden macht, sondern vor allem eigener Gestaltungsspielraum. Sicher sind Selbständige auch ein bestimmter Typ Mensch und nicht allen ist Autonomie gleich wichtig. Dennoch sollten Unternehmen diesen Hinweis nutzen: Je weniger ausgeliefert sich Menschen fühlen und je mehr sie von sich selbst in ihre Arbeit einbringen können, desto eher werden sie ihre Arbeit als „lebenswert“ ansehen. Neben allen konkreten Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie könnte es sich letztlich als besonders lohnend erweisen, in eine Kultur zu investieren, die ein Miteinander auf Augenhöhe ermöglicht. Dann lässt sich gemeinsam etwas gestalten, das sich einfach Leben nennt.

Über den Autor

Bea Maisch

Die studierte Sprachwissenschaftlerin steuert als Projektmanagerin und Konzeptionerin Abläufe in der Agentur, entwickelt Prozesse und Maßnahmen. Ihre Schwerpunkte sind nachhaltige Kommunikationskonzepte, Employer Branding und Fachveranstaltungen. Für die Kollegen bei Mainblick ist die Yoga-Lehrerin zudem ein sehr geschätzter Ruhepol und eine diplomatische Vermittlerin in hektischen Zeiten.