Plötzlich Homeoffice: Wie ein Virus die digitale Heimarbeit vorantreibt

Arbeiten von daheim mit Kaffee und Laptop

Fußbänkchen statt Schreibtisch, Ohrensessel statt Bürostuhl, Laptop statt Desktop-PC. Neben mir steht eine frisch aufgebrühte Kanne grüner Tee. Und wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster schaue, sieht alles so aus wie immer. Dabei ist alles ein wenig anders. Ein persönlicher Rückblick auf die erste Woche Vollzeit-Homeoffice und ein ebenso persönlicher Ausblick auf das, was diese Zeit nachhaltig in der Arbeitswelt verändern könnte.

Mit Pantoffeln zur Videokonferenz

Als Kommunikationsagentur war das Arbeiten von Zuhause für uns bei Mainblick schon Gang und Gäbe. Im kreativen Umfeld gehört es auch irgendwie zum guten Ton. Daheim können Einige konzentrierter arbeiten und manchmal ist es auch ganz praktisch, wenn man Handwerker erwartet. Wir nutzen es gerne, aber übertreiben es damit auch nicht. Denn die tägliche Dosis kollegialer Austausch ist schließlich nicht zu verachten. Darum hätte vor einem Monat keiner von uns daran gedacht zu sagen: „Übrigens bin ich die nächsten zehn Tage mal komplett im Homeoffice – tschüss dann.“ Und nun arbeiten die allermeisten von uns seit dem 16. März von daheim. Wir stimmen uns über Videokonferenzen, Telefonate und Mails ab und greifen über die Cloud auf unsere Daten zu. Das alles funktioniert einwandfrei. Die Entscheidung für eine ausgeweitete Homeoffice-Regelung ist richtig und hat unser Team ehrlich gesagt erleichtert. Dass sie zu diesem Zeitpunkt keineswegs selbstverständlich war, las ich beim Stöbern im Netz und im Gespräch mit anderen Agenturen. Das wirft für mich zwei Fragen auf: Warum ist Präsenzarbeit noch immer so geschätzt? Und wird sich diese Beurteilung in einem Jahr geändert haben?

Homeoffice bislang

Ich sage ja. Laut dem Digitalverband Bitkom boten vor Covid-19 vier von zehn Unternehmen Homeoffice an. Soll heißen: Sie boten die technischen Möglichkeiten für das Arbeiten von Zuhause. Mit der tatsächlichen Umsetzung waren und sind auch Ängste auf Seiten der Unternehmen und Mitarbeiter verbunden: die Kommunikation gestalte sich schwieriger, die Produktivität könnte leiden – vielleicht schleicht sich bei manchen Vorgesetzten auch ein Gefühl von Kontrollverlust ein. Weil der ein oder andere, ohne es zuzugeben, vielleicht doch sehr an der Präsenzarbeit hängt und seine Schäfchen gerne im Büro eingezäunt weiß. Und natürlich gibt es auch Arbeitnehmer, die sich mit Homeoffice nicht anfreunden können. Weil sie Privates und Berufliches nicht vermischen möchten. Oder weil sie in der Büroatmosphäre besser in den Arbeitsmodus finden. Die Diskussion um das Für und Wider zum Thema Heimarbeit ist alt. Und dann zwang Covid-19 alle Beteiligten zum Umdenken.

Wie ein analoges Virus uns digitaler machte

Plötzlich war Homeoffice in vielen Unternehmen nicht mehr mit der Rechtfertigung verbunden, Besuch von Handwerkern, dem Stromableser oder Schornsteinfeger zu erwarten. Begründungen, die es sonst oft brauchte, um von daheim zu arbeiten, entfielen. Stattdessen stellte sich die umgekehrte Frage: Welche guten Gründe gab es angesichts einer Pandemie, den Weg ins Büro und den engen Kontakt mit Kollegen auf sich zu nehmen? Was Experten, Studien und ein jahrelanger Austausch von Argumenten nicht geschafft hatten, war plötzlich selbstverständlich. Ein Virus trieb uns zu mehr Digitalisierung. Dass wir damit in vielen Bereichen schon weiter sind, als gemeinhin angenommen, zeigte eine aktuelle Umfrage des Bitkom, wonach Heimarbeit seit Covid-19 deutlich zunahm. Jeder zweite befragte Berufstätige arbeitet mittlerweile ganz oder teilweise im Homeoffice. Für immerhin 18 Prozent von ihnen ist das ganz neu, weil sie es vorher schlicht nicht durften. Jeder Zweite – das ist eine enorme Steigerung. Tatsächlich mag die Zahl sogar noch viel höher sein, denn unter den Befragten gab es keine Vorauswahl nach Berufen. Entsprechend gaben 41 Prozent an, dass sich ihre Arbeit gar nicht für das Homeoffice eigne.

Wir werden lernen, uns besser zu verstehen

Was wird das mit uns Schreibtischtätern machen? Ich glaube: Das Arbeiten von daheim, so wird man feststellen, funktioniert ziemlich gut. Die Kommunikation leidet nicht, auch wenn sie sich gerade anfangs erst einspielen muss. Die Kreativität geht nicht verloren. Menschen wollen sich nach wie vor miteinander austauschen, bitten Kollegen um Einschätzungen und fragen um Rat. Die Chefs werden merken, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen können und die Angst vor dem Kontrollverlust unberechtigt war. Und die Mitarbeiter werden merken, dass ausschließliches Homeoffice auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Zum Beispiel – wie in meinem Fall – weil ich die Kollegen ein bisschen vermisse und es mir schwerfällt, nach der Arbeit abzuschalten. Was mir bislang half, runterzukommen, war der Heimweg. Im Bus, mit dem Rad, zu Fuß – ganz egal. In jedem Fall kam ich mit klarem Kopf zuhause an und wurde nicht von Gedanken an die Arbeit verfolgt. Und jetzt? Gar nicht so leicht, sich aus der cloudbasierten Benutzeroberfläche von der Arbeit abzumelden und auf demselben Laptop anschließend Netflix einzuschalten. So mancher Gedanke an diese oder jene Aufgabe bleibt im Kopf. Was mir hilft: Ich simuliere mit einem kleinen Spaziergang den Heimweg, tanke dabei frische Luft und fahre mich in den Ruhemodus runter.

Es gibt kein Zurück mehr

Wenn das Gröbste vorbei ist, werden wir dann zum Status quo ante zurückgehen? Müssen wir uns dann wieder über Gründe für einen Tag im Homeoffice unterhalten? Werden die jetzt zum Teil neu geschaffenen IT-Strukturen in den Unternehmen zurückgefahren? Ich glaube kaum. Wir werden vielmehr gelernt haben, uns besser zu verstehen. Wir werden uns öfter fragen, ob wir wirklich für jeden Kundentermin rausfahren müssen oder ob eine Videokonferenz nicht hin und wieder ausreicht. Und wir werden über uns selbst erfahren haben, dass wir im Grunde genommen disziplinierter sind, als wir dachten. Dass es uns auch daheim gelingt, Struktur und Ordnung in den Tagesablauf zu bringen. Sofern wir es noch nicht konnten, lernen wir jetzt gerade, wie wir uns besser mit Kollegen organisieren, die irgendwo sitzen. Wir werden agiler arbeiten und nicht nur zustimmend aber auch ein wenig fragend nicken, wenn wir den Begriff hören. Wir sind zu einem großen Teil jetzt schon digitaler als wir dachten. Und von dieser Erkenntnis gibt es meiner Meinung nach kein Zurück mehr. Deswegen kann Homeoffice nicht zur Pflicht für jeden werden. In vielen Berufen ist das schlicht nicht möglich. Aber es wird dort, wo es machbar ist, deutlich öfter zum Einsatz kommen. Mit oder ohne Ohrensessel. Und es wird gut.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.