Elektromobilität: Was uns die Norweger voraus haben

Parkplatz für Elektro-Autos

Ein Geschäftsführer eines bekannten Logistikdienstleisters hat mich neulich in seinem rein elektrisch fahrenden Gefährt mitgenommen. Dabei erzählte er: Seine Touren durch Deutschland erledigt er problemlos. Ein bisschen Planung brauche es im Vorfeld, aber Ladezeiten an der Autobahn können auch entschleunigen. Eine interessante Sichtweise über Elektromobilität, finde ich. Ein Thema, das uns alle betrifft, aber bei dem wir uns doch immer wieder schwer tun, mutiger zu werden.

Nicht jeder kann auf’s Auto verzichten

Die großen Zukunftsvisionen wirken noch so weit weg von unserem Alltag. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass irgendwann mal jemand ernsthaft an Reisen in Kapseln via Vakuumröhren forscht? Die Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (WARR) der Technischen Universität München tut das, Stichwort: Hyperloop. Auch der Flug in vier Stunden über den Atlantik war lange Zeit Realität. Stichwort: Concorde. Aber es gibt auch bodenständigere Lösungen, denn schließlich ist Mobilität für uns alle kein Traum, sondern tägliche Realität. Die Kinder müssen zur Schule, die Oma zum Arzt, man selbst zum Job. Aber: Wie sind wir mobil? Wie erledigen wir alle unsere Wege im Alltag? In der Freizeit? Die einen fahren Bus oder Bahn, die anderen mit dem Auto, wieder andere mit dem Fahrrad.

Klar ist: Wer es ohne eigenes Auto ans Ziel schafft, hat einen besseren ökologischen Fußabdruck. Sätze wie „in der Stadt brauchst Du doch kein Auto“ gehen leicht über die Lippen, aber lässt sich das verallgemeinern? Wer weit pendeln muss, in einem Vorort wohnt und auf dem Weg zur Arbeit noch Teile der Sippschaft irgendwo rauslassen muss, der braucht ein Auto. Bestenfalls eines, das ihm kein schlechtes Gewissen macht oder von Fahrverboten in einer Innenstadt bedroht ist.

Elektromobilität macht Sinn

Und da kommt das Elektroauto ins Spiel. Wer rein elektrisch fährt oder zumindest einen Plug-In-Hybrid nutzt, noch dazu mit regenerativ erzeugtem Strom betrieben, der ist auf der sicheren Seite. Zumal man als Fahrerin und Fahrer eines solchen Fahrzeugs auch Teil einer innovativen Bewegung ist. Die richtige und wichtige Energiewende ist – auch meines bescheidenen Erachtens nach – nicht ohne einen Wandel unserer aller Mobilität möglich. Da bleibt eigentlich nur Elektro. Zumal die Bundesregierung Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität machen will, am besten auch mit vielen Leitanbietern. Die Automobilhersteller investieren in die Entwicklung elektrifizierter Modelle. Da gibt es schone eine bunte Auswahl auf dem Markt. Die EU hat einen CO2-Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer eingeführt. Alle scheinen sich einig, die Richtung ist klar – doch irgendwie beißen die Deutschen beim Thema nicht so an.

Eigentlich war ja schon alles bereit

Über den Wandel in der Automobilindustrie wird lange schon diskutiert. Vor allem über den politischen Willen zum Wandel und die Bereitschaft der Industrie. Dabei ist die Entscheidung zu emissionsfreiem Verkehr international schon lange gefallen. Deutsche Ingenieurskunst hat den Verbrenner groß gemacht, aber wenn es um Elektromobilität geht, fangen alle wieder bei null an. Dabei können deutsche Unternehmen doch das große E: Bereits 1975 brachte Mercedes erstmals einen E-Lkw auf die Straße. Ein Jahr später VW einen E-Golf. BMW zog in den 90ern nach. Dennoch sind die Ressentiments bei den Autofahrern groß. Vor allem der Anschaffungspreis – mal abgesehen von staatlichen Förderungsmöglichkeiten – schreckt viele Konsumenten noch ab. Und dann die Angst, irgendwo in der Walachei stehen zu bleiben und nicht mal eben schnell nachtanken zu können. Hin wäre es dann mit der Mobilität. Aber es gibt ein Volk, das uns die Angst vor so etwas nehmen kann:

Die Norweger machen’s uns vor

Die Norweger fahren nämlich sehr gerne und sehr erfolgreich elektrisch. Ganze 65 Prozent aller Neuzulassungen in Norwegen fahren rein elektrisch oder mit Hybridantrieb. In der Hauptstadt Oslo sind es sogar stolze 77 Prozent. In Deutschland sind es nur magere sieben Prozent aller Neuzulassungen. Was das Ganze bringen soll, fragen Kritiker dabei ja immer gerne. Man tausche ja nur den direkten gegen einen indirekten Auspuff. Nun, in Norwegen hat diese Umstellung die CO2-Belastung um insgesamt neun Prozent gesenkt. Und es gibt daneben auch noch Anreize für die Käufer: Die Norweger zahlen auf E-Fahrzeuge keine Steuern, die Ladeinfrastruktur ist bestens ausgebaut und sie können über die Busspur rollen. Zur Erinnerung: Norwegen ist mit Öl reich geworden. Und in nur sechs Jahren soll es dort keine neu zugelassenen Verbrenner mehr geben.

Die Skandinavier zeigen festen politischen Willen und sehen Klimaschutz als Chance für die Wirtschaft. Das macht doch auch für Deutschland Mut, schnell nachzuziehen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Nicht nur im Privaten, sondern auch, wenn es um’s Geschäft geht. Einige Logistiker haben das erkannt und setzen bereits E-Laster oder solche mit alternativen Antrieben ein. Und sie berichten übrigens, dass sich das auch wirtschaftlich lohnt. Was aber noch fehlt, ist ein dichtes Tankstellennetz für Strom oder beispielsweise auch Flüssiggas. Um zu verstehen, wie das in wenigen Jahren gelingen kann, sollten wir vielleicht mal einen Ausflug nach Norwegen organisieren und uns das dort mal in Ruhe anschauen. Ich bin jedenfalls dafür – und offen für Vorschläge zur Bildung von Fahrgemeinschaften.

Über den Autor

David Heisig

David Heisig weiß, wie es mit Füller und Tinte läuft. Spitz wie eine Feder sind auch die Wortwitze des PR-Beraters. Und dazu bringt der PR-Berater noch viel Medienerfahrung aus seiner Zeit beim Hessischen Rundfunk und bei der Offenbach Post mit.

2 Kommentare

  • Boris Kretzinger

    Bin ganz Deiner Meinung. Habe mein Auto abgeschafft, weil ich das Glück habe, in der Stadt zu leben, in der ich arbeite. Und hier in Frankfurt wird es einem leicht gemacht. Ursprünglich komme ich aus der Eifel und dort ist es schon sehr viel schwieriger, irgendwo auf dem Dorf zu wohnen und zu versuchen, bei Wind und Wetter ohne Auto in die Stadt zur Arbeit zu kommen. Witziger Weise hat das teilweise vor 30 Jahren besser funktioniert, als der kommunale Busverkehr dort noch intakt war. Gerade auf dem Land ist da also in der Tat noch einiges zu verbessern.

  • Vor vielen Jahren lag Deutschland mal mit an der Spitze, was Nachhaltigkeit angeht. Inzwischen sind es die Skandinavier. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Staat die Bedingungen ändert, dass jede/r einzelne von uns mehr oder weniger zum Umdenken gezwungen wird.
    Bis dahin sollten wir öffentliche Verkehrsmittel dem Auto vorziehen, im besten Fall fahren wir mit dem Rad, so tun wir gleichzeitig unserer Gesundheit etwas Gutes!
    LG Sonja