Micro-Story: Wir haben doch keine Zeit

Micro-Storytelling - weil wir alle keine Zeit mehr haben

Wie kurz kann eine Geschichte eigentlich sein, damit sie noch funktioniert? Kann ein Tweet eine Story erzählen? Oder ein Instagram-Post? Ja, das geht. Und zwar nicht nur in den Sozialen Medien. Das beweist unter anderem die renommierte New York Times auf ihrer Website mit den „Tiny Love Stories“. Im Kern orientiert sich jede Micro-Story an einem prägnanten Zitat von Ernest Hemingway:

„The main thing is to know what to leave out.”
Ernest Hemingway

Darauf kommt es beim Schreiben von Kurzgeschichten an. Und daran halten sich die Autoren auf der NY-Times-Landingpage: Die Liebesgeschichten dort kommen mit maximal 100 Wörtern aus. Zum Vergleich: Der Teaser dieses Blogposts zählt bereits 61 Wörter. Keine Zeit für große Ausschweifungen und Charakterportraits also. Die Sprache muss klar sein, und dennoch zum Träumen, Nachdenken und Mitfühlen anregen. Eine Geschichte griffig in wenige Worte zu fassen, ist eine hohe Kunst. Aber wie kurz darf sie sein, damit sie noch funktioniert? Dazu wird eine interessante Geschichte über Ernest Hemingway kolportiert.

Eine Story in sechs Worten

Bei einem geselligen Abendessen soll der Meister der klaren Sprache das Micro-Storytelling auf die Spitze getrieben haben. Demnach wettete er, dass er eine Geschichte in sechs Worten erzählen könne. Die Freunde, ein wenig verblüfft und neugierig, ließen sich darauf ein. Also zog Hemingway seinen Stift und schrieb sechs Worte auf seine Serviette, die er anschließend herumgehen ließ. Darauf stand:

„For sale: Baby shoes, never worn.”

Er gewann die Wette, die Story zündete. Eine tragische Geschichte in wenigen Worten. Wir können uns gar nicht dagegen wehren, dass in unserem Kopf sofort ein kleiner Film abläuft. Es erinnert zudem ein wenig an die Black Stories, die erstmals vor 15 Jahren aufkamen und seither gerne in geselliger Runde gespielt werden. Dabei gilt es, die passende Story lediglich aufgrund einer kurzen Szenenbeschreibung zu erraten – dieser Satz wäre ein hervorragender Ausgangspunkt dafür.

Jeder Post kann eine Micro-Story sein

Und im Prinzip kann jeder Instagram-Post und jeder Tweet eine Micro-Story sein. Ein Bild oder 280 Zeichen Text sind mehr als ausreichend. Nun wird dieses Format gerne der kurzen Aufmerksamkeitsspanne einer Generation Y oder Z zugeschrieben, aber ich kann Sie beruhigen. Wir haben alle keine Zeit mehr. Umso mehr gilt das im Business-Umfeld: Wie viele Newsletter landen in Ihrem Postfach, wie viele Fachmagazine auf Ihrem Schreibtisch, wie viele Mails wollen täglich beantwortet werden? Und wie viel bleibt ungelesen oder unbeantwortet? Eben. Content Shock – ich habe bereits in einem anderen Blogbeitrag darauf hingewiesen. Umso wichtiger ist es, dass die Stories, die diesen Content-Smog durchdringen, auch zünden. Kurze Formate haben da schon mal grundsätzlich gute Karten.

Ein echter Thumbstopper ist gefragt

Für solche Inhalte, die den Betrachter beim schnellen Überfliegen – meist auf dem Smartphone – zum Anhalten bringen, gibt es natürlich einen eigenen Begriff in der PR-Sprache: Thumbstopper. Der Daumen wischt über den Bildschirm und hält plötzlich inne, weil wir etwas sehen, das uns interessiert. Die Entscheidung darüber treffen wir in Bruchteilen von Sekunden. Ob auf Instagram, Facebook, Twitter oder TicToc: Die ideale Micro-Story leistet genau das. Und anders als im Beispiel mit Hemingways Serviettengeschichte funktioniert das heute nicht mehr ohne Bild. Denn anhand des Vorschaubildes entscheiden wir, ob wir weiterscrollen oder anhalten. Und das muss schnell gehen. Darum darf das Bild nicht zu komplex sein und muss entweder die Botschaft bereits ideal auf den Punkt bringen, zum Schmunzeln anregen oder besonders ungewöhnlich sein. Beliebigkeit wird von den Nutzern nicht goutiert.

Die moderne Micro-Story hat also schon einmal ein wichtiges Element: Sie ist illustriert. Ist die Aufmerksamkeit der Zielgruppe einmal geweckt, muss der zweite Teil überzeugen: Das geschriebene Wort. Etwas mehr als sechs Wörter dürfen es schon sein. Der Maßstab für eine gute Länge ist die Zeichenvorgabe von Twitter mit 280 Zeichen. Wer es schafft, in einem einzigen Tweet seine Botschaft an die Leute zu bringen, ist fit für alle übrigen Plattformen. Die Betonung liegt dabei vor allem auf: eine Botschaft. Viele Unternehmen wollen – zunächst einmal verständlicher Weise – so viel Input wie möglich in eine Aussage packen. Bloß so genau wie möglich sein, nichts Wichtiges auslassen und am Schluss bestenfalls noch von einem Bereichsleiter und jemandem aus der Operative ergänzen lassen. Fußnoten? Warum nicht!

Bitte nicht so nüchtern

Nein, bitte nicht. Halten Sie die Sätze kurz, vermeiden Sie Nebensatzmonster und denken Sie daran, so zu schreiben, dass die Zielgruppe Sie versteht. Haben Sie Mut zur Lücke. Konzentrieren Sie sich auf einen wesentlichen Aspekt. Sie werden ohnehin nicht alle Informationen in einem Post unterbringen können, also konzentrieren Sie sich auf das, was die Story reizvoll macht. Bedenken Sie dabei, dass die besten Geschichten kurvig sind, wie der US-amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut sehr anschaulich in diesem Video erklärt. Sie haben einen Protagonisten, zu dem der Leser oder Zuschauer eine Verbindung aufbauen kann.

Nun werden Sie sich vielleicht fragen, wie man beispielsweise als Lkw-Hersteller eine tolle Story erzählen soll, wenn man so etwas wenig Attraktives wie eine Lenkhilfe serienmäßig in seine Trucks einbaut. Das ist ein schrecklich technisches Thema, wer in aller Welt sollte sich dafür begeistern. Und vor allem: Wie soll der Held der Geschichte aussehen? Volvo Trucks hat darauf bereits vor einigen Jahren eine kreative Antwort gefunden, erzählt in einer knappen Minute – das Video wurde ein Klickhit. Es zeigt, dass selbst auf den ersten Blick unglaublich unattraktive Themen einen durchschlagenden Erfolg haben können. Dazu braucht es aber auch den Willen, Dinge nicht allzu nüchtern und sachlich zu betrachten, mal einen Schritt zurück zu treten und über die Botschaft nachzudenken. Was wollen wir eigentlich vermitteln? Was soll dem Zuschauer oder Leser nach dem Weiterscrollen in Erinnerung bleiben? Und wie können wir das am besten schaffen? Vielleicht hilft es ja, in der Planungsphase – womöglich bei einem Essen – Ideen zu besprechen und auf einer Serviette zu skizzieren. Alles, was darauf keinen Platz hat, taugt nicht für eine Micro-Story.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.

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