Voll abgefahren: Die Zukunft von gestern

DeLorean

Ein Autobauer aus Estland und einer aus der Schweiz besinnen sich für ihre künftigen E-Mobile auf die Formensprache der 50er. Bei Pedelecs und Motorrädern ist aktuell der Stil der 20er und 30er Jahre angesagt. Es ist doch wirklich erstaunlich: Immer mehr Produkte für unsere Zukunft sehen aus, als wären sie mit einer Zeitmaschine eingeflogen und dann in aller Eile umgebaut worden. Und da frage ich mich, was mir diese Schwemme von gestrig-aussehenden Produkten eigentlich sagen soll?

Vertraute Formensprache mit modernem Inhalt

Vielleicht ist es ja einfach so, dass Autos mit alternativen Antrieben schon derart lange überfällig sind, dass es nur konsequent ist, das nun auch in der Formensprache zu zeigen. Oder sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Designer sich heiser geschrien haben an immer neuen, besonders kantigen oder doch lieber möglichst runden Formen? Vielleicht hat Cicero Recht und die Zukunft kommt gar nicht plötzlich, sondern ist nur die Wiederholung dessen, was bereits war – irgendwie beruhigend und beunruhigend zugleich.

Jedenfalls kommt die vertraute Formensprache an: Während zum Beispiel der modern gestylte Kleinwagen e.Go rund 3.000 Vorbestellungen gesammelt hat, verleitete der Mircolino im Isetta-Look der 50er Jahre fast dreimal so viele Kunden zur Order. Der Retro-Look scheint also nicht nur öffentlichkeitswirksam, sondern verkaufsfördernd zu sein. Sicher, wenn ich mich schon für einen neuen Kleinwagen mit E-Antrieb entscheiden müsste, dann vorzugsweise für den, der mich auch emotional anspricht. Der Retro-Look ist also aus Sicht von Marketing und PR besonders dankbar, denn solche Designs werden von den Medien genüsslich durch die Nachrichtenwalze gedreht.

Rolle rückwärts

Das war mal anders. In „Zurück in die Zukunft“ flogen Doc Brown und Marty McFly ins Jahr 2015 und stachen dort mit ihrem DeLorean ganz schön aus der Masse an modernen Vehikeln heraus. Und heute? Warum orientierten wir uns beim Blick nach vorne lieber an Eckpfeilern aus der Vergangenheit? Sind uns etwa Optimismus und Zukunftsglaube abhanden gekommen? Ich glaube, es liegt eher an der gefühlt rasanten Geschwindigkeit, mit der Innovationen auf uns einprasseln. Weil uns gravierende Neuerungen verunsichern, hilft das wohlig-warme Gefühl einer uns bereits bekannten Verpackung dabei, Neues zu akzeptieren. Ein Trend, der sich auch auf die PR-Arbeit auswirkt. In einer Zeit, in der alles immer digitaler wird, erleben ausgerechnet Printmedien einen kleinen Aufschwung. Technikkonzerne, Drogeriemarktketten und Lebensmitteldiscounter entdecken die Wertigkeit von gedruckten Heften für sich. Die Layouts sind luftig, die Bilder großformatig, doch das Medium an sich althergebracht. Und siehe da: es wirkt! Die Botschaften kommen an. Ein bisschen retro scheint also dazuzugehören, wenn man nach vorne schaut.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.