Digitales Jonglieren bringt keinen Applaus

Digitales Jonglieren

Eine Vorführung ganz ohne Netz und doppelten Boden – in der Artistik galt das lange Zeit als etwas ganz Besonderes. Die Akrobaten fühlten sich in ihren Abläufen und bei allen Handgriffen so sicher, dass die auf diese lebensrettenden Sicherheitsmaßnahmen verzichteten. Und das Publikum war bei den Vorstellungen besonders gebannt, denn immerhin ging es hier um deutlich mehr als nur Entertainment.

Aber auch mit Sicherheitsnetz: Ganz ohne Übung überzeugt niemand sein Publikum. Man stelle sich vor, ein Jongleur schwänge große Reden auf dem Marktplatz einer Stadt, scharte in kurzer Zeit ein Publikum um sich und begänne dann – zum ersten Mal in seinem Leben – mit dem Jonglieren. Die Kegel fallen immer wieder herunter, einige Zuschauer lachen, andere ziehen entgeistert weiter. Doch der Jongleur, von sich ganz überzeugt, bietet seine Künste weiterhin wie ein Marktschreier feil. Nicht von öffentlichem Üben spricht er, sondern von hoher Kunst – und blamiert sich damit.

Wer übt schon in der Öffentlichkeit?

Das haben Sie noch nie gesehen? Glaube ich sofort. Was für ein unrealisitisches Beispiel – zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis lassen sich durchaus Parallelen zum digitalen Jonglieren ziehen, das einige (meist mittelständische) Unternehmen in den sozialen Medien zeigen. Ganz ohne Konzept oder erkennbare Strategie und somit an der Zielgruppe vorbei entsteht dann eine Präsenz auf Facebook, weil man dort eben vertreten sein muss. Ein Redaktionsplan ist ebenso wenig nötig wie eine einheitliche Bildsprache – man findet sich ja erstmal in den Prozess ein.

Das wirkt allerdings reichlich unprofessionell und verwirrt die Zielgruppe unnötig. Wenn eine Firma in den sozialen Medien für alle sichtbar ihr kommunikatives Handwerk übt, denke ich sofort an eben jenen zuvor genannten Jongleur, der seine Keulen vor Publikum zum ersten Mal in die Luft wirft. In keinem anderen Bereich würden Unternehmen öffentlich üben, aber Plattformen wie Facebook gelten scheinbar ein Stück weit als Anarcho-Zone, in der man es nicht so genau nimmt.

Nur klare Konzepte überzeugen

Sicher, in der digitalen Welt muss es schnell gehen. Da ist keine Zeit für endlose Abstimmungsschleifen, und das ist auch gut so. Aber das sollte Unternehmen nicht dazu verleiten, Mitarbeiter in einer „Mach mal“-Mentalität mit dem Social-Media-Auftritt allein zu lassen. Es braucht in jedem Fall einen festen Rahmen in Form von Strategie, Konzept, Guideline und Redaktionsplan, damit aus dem Auftritt kein Fehltritt wird. Das Publikum wird es Ihnen danken.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.