Die neue Ungeduld: Schluss mit dem Sofortismus!

Ich muss kurz über Weihnachten sprechen: Als Kinder konnten wir es kaum erwarten, bis der Weihnachtmann unsere Geschenke brachte. Meine Eltern haben meine Schwester und mich stundenlang ins Kinderzimmer verbannt. Dort haben wir dann das Flötespielen geübt. Als mein Vater nach gefühlten Tagen das Glöckchen läutete, stürmten wir ins Wohnzimmer und fanden neben unseren liebevoll verpackten Geschenken auch einen hell erleuchteten Christbaum und duftendes Gebäck vor. Die Tage davor waren von einer süßen Anspannung durchzogen, einer wohl dosierten Ungeduld. Am Ende hatte sich das Warten immer irgendwie gelohnt – und es war ganz gut auszuhalten.

Der Geduldsfaden wird immer kürzer

Heute hat das Warten etwas Quälendes, Nervendes, mitunter Aggressives. Nichts geht schnell genug, alles muss sofort und gleich sein, wir haben keine Zeit mehr. Scheinbar für nichts. Drei Beispiele: Wenn an der Kasse zwei Kunden ihre Einkäufe auflegen, ruft der Dritte im Befehlston: „Machen Sie bitte eine weitere Kasse auf!“ In Ruhe rückwärts einparken? Keine Chance! Der dicht auffahrende Hintermann setzt Lichthupe und Warnsignal rigoros ein und brüllt im Vorbeifahren lauter unanständiges Zeug. Die Oma von nebenan zahlt in der Bäckerei an der Ecke mit Münzen – eine Katastrophe! Kann die Alte die Semmeln nicht einfach kontaktlos mit ihrer EC-Karte bezahlen und das Feld räumen? Und wieso kauft die überhaupt gerade JETZT ein? Ich muss zur Arbeit …

Apropos Arbeit: Die neue Ungeduld wohnt vor allem im Büro! Sie hat sich dort prima eingenistet, wächst wie Efeu in alle Abteilungen hinein – und verändert damit die Kommunikationskultur. Zum Schlechteren, versteht sich. „Hast Du die Mail schon gelesen, die ich Dir vor 45 Sekunden geschickt habe?“, fragt der Kollege vorwurfsvoll ins Telefon oder durch die Tür. Ein Paradebeispiel aus meinem beruflichen Alltag. Die notorische Ungeduld beeinträchtigt zudem die Qualität von Entscheidungen. Wer immer sofort Antworten geben muss, hat keine Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Mal eine Nacht drüber schlafen – geht nicht. Das System braucht die Entscheidung unbedingt JETZT!

Gute Entscheidungen brauchen Zeit

Wenn ich in einen Zustand der Ungeduld gerate, gönne ich mir einige tiefe Atemzüge – dreimal bewusst ein- und ausatmen, das hilft gegen die Anspannung und den Druck, den man sich selber macht. In der Beratung reagiere ich auf die Bitte nach einer Handlungsempfehlung oft mit dem Hinweis, dass ich über dies und das noch nachdenken und mich dazu mit meinem Team austauschen möchte. Das irritiert manche Gesprächspartner – böse war mir indes noch keiner. Denn trotz aller Erfahrungen habe auch ich nicht auf alles sofort eine Antwort parat.

Wir müssen wieder lernen, uns Zeit zu nehmen und uns gemeinsam gegen diesen scheinbar übermächtigen Sofortismus stellen. In einer dynamischen und agilen Unternehmenswelt hilft uns Geduld dabei, reifere und klügere Entscheidungen zu treffen – und so noch erfolgreicher und zufriedener zu arbeiten.

Über den Autor

Uwe Berndt

Der ausgebildete Organsiationsentwickler ist seit über 16 Jahren der Kapitän des Mainblick-Schiffes. Er sieht Unternehmenskultur und Werte als Basis einer nachhaltigen B2B-Kommunikation an. Sein besonderes Interesse gilt der Kommunikation im Wandel. Privat trifft man den gebürtigen Frankfurter regelmäßig in der Fankurve des Eintracht-Stadions.

4 Kommentare

  • Entschleunigung ist wirklich das Gebot der Stunde … Gelassenheit gebührt meine größte Anerkennung. Es gehört Mut dazu sich gelassen zu geben in einem Umfeld in dem der Schnellste scheinbar nur der Winner ist. Aber wie sagte es schon Konfuzius „wenn du in Eile bist gehe langsam…“ Dein Artikel hat auch mich sehr inspiriert und ich danke dafür.

    • Liebe Xenia, Danke für Deinen Kommentar. Stimmt: Ohne Mut können alte Muster nicht gebrochen werden. Und natürlich braucht es Vorbilder, die mit gutem Beispiel voran gehen. Wenn alles um uns herum tost und stürmt, hilft ein leibhaftiger Ruhepol. Mir gelingt das im Arbeitsalltag auch eher selten – aber ich arbeite daran. Konsequent und Tag für Tag. Mutig und entschlossen.

  • Lieber Uwe.

    Danke für diesen sehr stimmigen Beitrag zur aktuellen Situation. Und witzig, dass du diesen gerade jetzt veröffentlicht hast.

    Ich hatte am Wochenende ein interessantes Gespräch zu dem Thema mit einer Freundin. Es ging – ähnlich wie in deinem Beitrag – um die Dinge, die täglich auf uns einprasseln und uns permanent abhalten von dem, was wir Leben nennen. E-Mail-Fluten, Anrufe, Termine und Meetings unterbrechen oft im Minutentakt den täglichen Workflow. Bestenfalls kommt dieser gar nicht zustande.

    Ich denke wir sind an einem Punkt angekommen, wo die Schnelligkeit des Informationsaustausches unsere eigene Kapazität überschreitet. Alles muss sofort und schnell angegangen, überdacht, bearbeitet und beantwortet werden.

    Hatte man vor ein paar Jahren beispielsweise in Sachen Kunden-Korrekturen noch oft ein paar Tage bis zur Erledigung Zeit – auch um sich Gedanken um die Umsetzung zu machen – ist es heute schon kaum noch denkbar auch nur bis morgen zu warten. Aber genau diese Zeit braucht es oft, damit Dinge besser werden.

    Ideen können nicht mehr „reifen“. Außer wir als Kreative oder Dienstleister bestehen darauf und bringen ein gutes Argument vor, warum GLEICH oder SOFORT nicht das richtige Tempo ist. Und dann ist es, wie du sagst. Der Kunde ist erst irritiert, meist ist der Termin plötzlich doch nicht mehr unumstößlich und was zum Schluss heraus kommt, ist ein Ergebnis, das meist alle mehr als zufrieden stellt.

    In diesem Sinne lasse ich meine Ideen reifen oder versuche es zumindest.

    So wie einen guter Wein erst ein wirklicher Genuss ist, wenn er Zeit hatte zu reifen.

    • Liebe Astrid,

      herzlichen Dank für Deine Rückmeldung. Es ist schön, von Deinen Erfahrungen zu lesen – auch wenn diese im Grunde etwas offenlegen, dass Dich, mich und viele andere aus der kreativen Szene durch den Arbeitsalltag hetzen lässt. Die Frage, die sich mir zunehmend stellt, lautet: Was ist wesentlichlich? Beim Aufspüren der Wesentlichkeit stelle ich immer wieder fest, wie reflexhaft ich selbst reagiere. Dabei stehe ich eigentlich für den Leitgedanken “Reflexion statt Reflex”.
      Ich wünsche Dir weiterhin einen klaren Blick auf das, was Du tust, und vor allem darauf, WIE Du es tust.

      Herzliche Grüße, Uwe