Hier warb Goethe nie

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Wohnungsbesichtigung zu Anfang des Jahres hier in Frankfurt, bei der die Vormieter die klaustrophobisch kleine Toilette mit einem Goethe-Zitat als Wandtattoo aufwerteten. „Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert“, mahnten mich die Letter. Was mir das in diesem Zusammenhang sagen sollte, weiß ich nicht. Verharren wollte ich dort jedenfalls nicht länger als nötig. Gut, mögen Sie einwenden, wen interessiert schon, was in einer Privatwohnung an irgendwelchen Wänden steht? Stimmt natürlich. Aber der gute Herr Geheimrat muss leider nicht nur für stille Örtchen herhalten, sondern wird gerne auch vor den Karren der Kommunkation gespannt. Und ich bin mir nicht ganz sicher, was von beidem nun schlimmer ist.

Am Anfang war der Elefant

Das Ganze hat gewissermaßen Tradition. Das Naturkundemuseum in Kassel beherbergt beispielsweise einen Goethe-Elefanten. Hinter dem schillernden Namen verbirgt sich ein Skelett des größten Landsäugetiers, an dessen Schädel der vielseitig interessierte Dichterfürst die Unterschiede der Zwischenkiefer von Mensch und Tier studierte. Seit der Veröffentlichung seiner Arbeit in den 1820ern führt das Mueseum stolz den Namen für das ansonsten unspektakuläre Gerippe. Ein Meilenstein des Marketings mit dem bekannten Poeten. Immerhin lässt sich dabei ein klarer Bezug herstellen. Aber es gibt vieles, das Goethe nie berührte oder betrat – und für das er trotzdem herhalten muss.

Kein Wunder. Der gebürtige Frankfurter wertet schließlich alles auf. Und wehren kann er sich gegen die Verwendung seiner Aphorismen auch nicht. Also: Sie transportieren beispielsweise Wein? Wunderbar! Goethe hätte sicher Gefallen an ihrem schonenden Handling des schmackhaften Rebensafts mit durchgängiger Temperaturführung gehabt. Oder sind sie für einen Flughafen in der Geburtstadt des hessischen Dramatikers verantwortlich und wollen das kulturelle Erbe Frankfurts mit der Bedeutung des Aerodroms verbinden? Goethe ist die ideale Schnittmenge und wirkt nicht zu abgehoben.

Es scheint, als gelte das unausgesprochene Motto: Komm’ ich in Ideennöte, zitiere ich am liebsten Goethe. Schon 1982 warf Heidi Dürr in der ZEIT deshalb die Frage auf, wen es da noch wundern soll, wenn Goethe bald der Name eines bewährten Brechmittels wäre. Damit es nicht so weit kommt, täte uns etwas beruflicher Abstand zum ehemaligen Legationsrat ganz gut. In den meisten Fällen gilt ohnehin: Hier warb Goethe nie. Belassen wir es doch einfach dabei.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.