Überblättert: Das ungeliebte Vorwort

Spieglein, Spieglein in der Hand: Neulich blätterte ich beim Warten in der Autowerkstatt durch das Nachrichtenmagazin mit dem einschlägigen roten Rahmen auf dem Cover. Hätte ich mich nicht just ein paar Tage zuvor mit einem Kollegen über eine gewisse althergebrachte Tradition in Magazinen unterhalten, wäre es mir gar nicht aufgefallen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, heißt es ja so schön. Aber diesmal nicht. Diesmal sah ich bewusst hin und habe es nicht bloß übersehen: Es gibt kein klassisches Vorwort des Herausgebers oder Chefredakteurs im Spiegel. Stattdessen begleiten mich Inhaltsverzeichnis, Leitartikel und Kolumne durch die ersten Seiten. Dass mir das fehlende Vorwort so lange nicht aufgefallen ist, liegt vor allem daran, dass ich diesen Teil in Magazinen grundsätzlich überblättere.

Denn mal ehrlich: Nichts überblättert sich leichter als ein Vorwort. Falls Sie das zu harsch finden, rufen Sie sich doch spontan und ohne nachzuschlagen zwei Editorials aus Magazinen ins Gedächtnis, die Sie zuletzt gelesen haben.

Und?

Eben.

Wir lesen ein Nachrichtenmagazin, weil uns der Themenschwerpunkt interessiert. Das Kundenmagazin begeistert, weil es spannende Einblicke und Storys aus dem Unternehmen präsentiert. Es ist stets mindestens ein Beitrag, der den Leser dazu motiviert, das Heft aufzuschlagen. Das Grußwort des Herausgebers ist es jedenfalls nicht.

Den Spiegel vorhalten

Auch wenn ich mich jetzt zum Ketzer mache: Warum halten wir also an dieser altmodischen und absenderorientierten Tradition fest? „Haben wir immer schon so gemacht?“ Weil dem Herausgeber, Chefredakteur oder Geschäftsführer eben die Ehre gebührt, an exponierter Stelle die Leserschaft zu begrüßen? Eine Frage der Höflichkeit? Ich finde es merkwürdig, wie sorgsam wir bei manchem Redaktionsmeeting die befürchtete oder erhoffte Wirkung von Beiträgen diskutieren. Wie verpönt Absenderorientierung ist. Bei einem Heiligtum gilt sie dagegen als unantastbar: dem Editorial, in Ewigkeit, Amen. Dabei ist es übrigens oft der letzte Text, der im Redaktionsprozess entsteht. Und meist in Form von Ghostwriting.

Jedenfalls bekommt die Redewendung „den Spiegel vorhalten“ ab jetzt für mich eine ganz neue Bedeutung.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.