Headlines from Hell: Tradition & Innovation

Wer das Monster von Loch Ness, Atlantis und Bielefeld in einem Atemzug nennt, den kann man leicht als Verschwörungstheoretiker abtun. Sind ja ohnehin alles Spinnereien – habe ich auch lange gedacht. Doch dann habe ich das neueste Imagevideo der Stadt Bielefeld gesehen und dachte mir: Vielleicht ist zumindest an dieser Bielefeld-Verschwörung mehr dran, als ich wahrhaben will. Nehmen wir an, die Stadt gäbe es wirklich und sie wäre nicht ein ausgedachtes Konstrukt. Würde sie sich dann selbst mit einer der wohl austauschbarsten Headlines aller Zeiten in einem nichtssagenden Video schmücken: Innovation trifft Tradition? Ich glaube kaum. Eine Überschrift wie eine Nebelgranate, verschleiernd und zum Wegrennen.

Eine für alle

Innovation und Tradition passt auf alles, wirklich alles. Von der Glockengießerei, die es mittlerweile in siebter Generation gibt, bis zur Pizzeria um die Ecke, die vor zweieinhalb Jahren eröffnet hat und nun auch Toppings auf ihre Teigfladen anbietet. Hashtag „Hipsteralarm“. Und doch – obwohl es kaum eine Headline gibt, die noch stärker überstrapaziert wird – ist dieses nebulöse Konstrukt oftmals ein Favorit bei mittelständischen Unternehmen, wenn es um Marketing oder Öffentlichkeitsarbeit geht. Gerne auch der kleinste gemeinsame Nenner in der Abstimmung zwischen Unternehmen und Agentur, wenn es um Gottes Willen nicht zu kreativ sein soll. Dabei sind das zwei Werte, die sich jeder auf die Fahne schreiben möchte, bei denen gar kein Widerstand möglich ist. Das Beste aus zwei Welten, mit dem Blick für das Wesentliche aus der Vergangenheit, aber trotzdem der Zukunft zugewandt.

Wunderbar – wenn es nicht so beliebig wäre. Mit diesem Slogan hebt sich Bielefeld nicht von Hamburg, München oder selbst Düsseldorf ab, die sich zu Recht ebenfalls Tradition auf die Fahne schreiben können und sich in die Zukunft orientieren. Wer nicht? Und aus demselben Grund tut sich kein Unternehmen einen Gefallen damit, mit dieser Headline irgendeinen Beitrag aus der Kommunikation zu schmücken. Achten Sie mal darauf, wie oft Ihnen diese Phrase in der PR begegnet. Ich wünschte mir manchmal, es wäre genau andersherum und diese Headline wäre Teil einer Verschwörungstheorie, nicht das arme Bielefeld. Aber so ist es leider nicht. Google findet 556.000 Treffer quer durch alle Wirtschaftsbereiche für die unselige Wortfolge. Für „Bielefelder Innovation“ übrigens nur acht.

Über den Autor

Boris Kretzinger

Der Exil-Eifler steuert als Leiter Corporate Media Kundenmedien bei Mainblick, ob gedruckt oder online. Er vertieft sich ebenso gerne in bunte Regionalthemen wie in die anspruchsvolle Recherche zu einem technischen Thema. Privat streift der Historiker gerne auf Schusters Rappen durch die Natur oder greift zum Joystick, um auf seinen 8-Bit-Heimcomputern und Konsolen zu spielen.

4 Kommentare

  • Ja, die Worthülsen sterben nicht aus. Innovativ zu sein reklamiert fast jede zweite gewerbliche Website für das präsentierte Unternehmen. Aber was ist das eigentlich? Wir verstehen nur zu oft unter Innovation die Optimierung von bereits Vorhandenem. Dabei ist Innovation vom Kern her “Neuerfindung”. Und das reicht von “inkrementeller” bis zur “radikalen” Innovation . Und das passiert nicht eben so aus dem hohle Bauch ..

  • Wunderbarer Kommentar! Chapeau. Da bringt es mal einer auf den Punkt. Aber woher kommt eigentlich diese Unart vor allem institutioneller, aber oft auch mittelständischer Werbetreibender, in die immer gleiche Standard-Kiste der Werbesprüche zu greifen? Findet man sich da wirklich wieder? Oder liegt es am Ende an den vielen Möchtegern-Profis, die sich in Agenturen und auf dem freien Markt tummeln? Die machen sich die Sache nämlich gerne sehr einfach und verkaufen dem unwissenden Kunden gerne mal den oft zitierten “alten Wein in neuen Schläuchen”?

    • Boris Kretzinger

      Da ist sicherlich etwas dran. Warum bestimmte Phrasen kaum totzukriegen sind und sich tatsächlich hartnäckig halten, erschließt sich mir einfach nicht. Auch nicht, wie die es überhaupt jemals in den PR-Vokabelkasten geschafft haben. Am Ende wundere ich mich, dass auf Agenturseite so etwas ernsthaft an den Kunden herangetragen wird, obwohl man es besser wissen müsste. Der Job wäre ja, pfiffige Alternativen zu finden. Aber erstaunlich auch, dass viele Kunden sich darin scheinbar wiederfinden – oder sich vielleicht auch einfach nur damit zufriedengeben.