Ein Lkw ohne Fahrer – und das mitten in Hessen. Lidl testet seit dieser Woche gemeinsam mit dem Technologieunternehmen Einride einen autonomen E-Lkw im realen Lieferbetrieb. Das Fahrzeug fährt auf einer festgelegten Strecke zwischen dem Warenverteilzentrum in Edermünde und einer nahegelegenen Filiale. Fahrerhaus? Fehlanzeige.
Ist der viel diskutierte Lkw-Fahrermangel damit bald Geschichte? Wohl kaum. Während autonome Technologien neue Möglichkeiten eröffnen, bleibt die Suche nach Berufskraftfahrern und -fahrerinnen für die Logistik eine der großen Herausforderungen. Und dabei geht es längst nicht nur um Demografie, Gehälter und Recruiting.
Eine aktuelle DEKRA-Befragung zeigt: Der Fahrermangel ist auch eine Frage von Image und Arbeitsbedingungen. Rund 100 Berufskraftfahrer unterschiedlicher Nationalitäten wurden für den DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2026 befragt. Die Anfang September veröffentlichten Ergebnisse zeigen deutliche Kritikpunkte: Parkplatzsuche, mangelnde Sicherheit, unzureichende Sanitäranlagen und die Aufgabenteilung beim Be- und Entladen. Gleichzeitig wünschen sich die Fahrer mehr gesellschaftlichen Respekt und bessere Arbeitsbedingungen.
Fahrermangel wird zur Kommunikationsaufgabe
Die Dringlichkeit ist groß, denn laut aktuellem IRU Driver Shortage Report sind in Europa rund 502.000 Lkw-Fahrerstellen unbesetzt. Bis 2030 könnten zudem etwa 660.500 Fahrer in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig bestätigt die IRU, dass mehr Gehalt allein nicht reicht. Arbeitsbedingungen, planbare Einsatzzeiten und Zeit zu Hause gewinnen an Bedeutung.
Für Logistikunternehmen wird der Fahrermangel damit auch zur Kommunikationsaufgabe. Wer Fahrer und Fahrerinnen gewinnen und halten möchte, muss nicht nur ein guter Arbeitgeber sein, sondern dies sichtbar und erlebbar machen.
Was hat die Employee Journey mit dem Lkw-Fahrermangel zu tun?
Genau hier lohnt sich der Blick auf die Employee Journey. Sie beginnt lange vor der Bewerbung – etwa auf Social Media, der Karriereseite, in Stellenanzeigen oder durch Empfehlungen – und reicht über Recruiting und Onboarding bis in den Arbeitsalltag.
Was wir aus der Customer Journey kennen, gilt auch für Mitarbeitende. Die einzelnen Touchpoints prägen Wahrnehmung, Vertrauen und Bindung. Wer sie systematisch betrachtet, erkennt, wo potenzielle Fahrer erreicht und überzeugt werden und wo Menschen verloren gehen.
Gerade beim Fahrermangel lohnt es sich deshalb, nicht nur einzelne Recruiting-Maßnahmen zu betrachten. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Touchpoints entlang der gesamten Employee Journey. Und ebenso die Frage, ob das Bild, das ein Unternehmen nach außen vermittelt, auch zum tatsächlichen Erlebnis als Arbeitgeber passt.
Kurz erklärt: Lkw-Fahrermangel und Employee Journey
Warum fehlen Lkw-Fahrer?
Der Fahrermangel hat mehrere Ursachen: Viele Berufskraftfahrer und -fahrerinnen gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, während zu wenige junge Fahrer nachkommen. Gleichzeitig beeinflussen Arbeitsbedingungen, planbare Einsatzzeiten, Sicherheit, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie das Image des Berufs die Attraktivität für Nachwuchs und erfahrene Fahrer.
Können autonome Lkw den Fahrermangel lösen?
Autonome Lkw können langfristig dazu beitragen, den Fahrermangel zu entschärfen. Aktuelle Projekte wie der Einsatz eines fahrerlosen Level-4-Lkw im Lieferverkehr in Hessen zeigen das Potenzial der Technologie. Kurzfristig bleiben Berufskraftfahrer für den Straßengüterverkehr jedoch unverzichtbar – und damit auch die Aufgabe, den Beruf und Arbeitgeber in der Logistik attraktiver zu machen.
Was wünschen sich Berufskraftfahrer von ihrem Arbeitgeber?
Neben einer angemessenen Bezahlung zählen gute und verlässliche Arbeitsbedingungen. Die aktuelle DEKRA-Befragung zeigt unter anderem den Wunsch nach mehr gesellschaftlichem Respekt, besseren Rahmenbedingungen und einer klareren Aufgabenteilung. Für Arbeitgeber bedeutet das: Entscheidend ist nicht nur das Recruiting-Versprechen, sondern die tatsächliche Erfahrung im Arbeitsalltag.
Wie können Logistikunternehmen Lkw-Fahrer gewinnen und binden?
Unternehmen sollten die gesamte Employee Journey betrachten – vom ersten Kontakt über Bewerbung und Onboarding bis zum Arbeitsalltag und zur langfristigen Mitarbeiterbindung. Wer die entscheidenden Touchpoints analysiert, kann erkennen, wo potenzielle Fahrer angesprochen und überzeugt werden – und an welchen Stellen Mitarbeitende verloren gehen.

